Zukunftsorientierte Enterprise Architektur

Letztes Update: 08.03.2024

Dieser Artikel beschreibt Prinzipien und Strategien für eine langfristige, flexible und geschäftsorientierte IT-Architektur. Wichtige Konzepte umfassen die Aufteilung komplexer Systeme (Divide & Conquer), Standardisierung von Protokollen statt Technologien, Vereinfachung von Prozessen, und eine business-driven Herangehensweise, die IT als Treiber von Geschäftsinnovationen sieht. Der Artikel betont die Notwendigkeit kontinuierlicher Verbesserung und Technologieagnostik, um sich an wandelnde Anforderungen und Technologien anzupassen.

Eine Enterprise Architektur hat - im Gegensatz zu einer Lösungsarchitektur - einen relativ langfristigen Charakter. Anwendungen, Technologien - ja sogar Geschäftsfelder, Manager und Organisationsstrukturen kommen und gehen. Die Enterprise Architektur bleibt. Deshalb ist es sehr wichtig, die IT-Unternehmensarchitektur langfristig und zukunftsorientiert auszurichten. Das heißt ausdrücklich nicht: rückwärtsgewandt und konservativ. Es bedeutet, dass man beim Aufbau einer Enterprise Architektur und eines Enterprise Architektur Managements einen großen Zeithorizont im Auge haben sollte. Die EA manifestiert sich nicht in der Laufzeit eines kurzen Projektes, sondern zeigt ihre Stärke erst nach mehreren Jahren.

Was passiert mit fortschreitender Zeit?

Änderung der Betriebsumgebungen und Clients über die ZeitÄnderung der Betriebsumgebungen und Clients über die Zeit

Prinzipien zukunftsorientierter Enterprise Architektur

Enterprise Architektur als Disziplin ist nicht mehr neu. Die Regeln und Mechanismen sind bekannt und auch die Geschichte der Informationstechnologie hat uns in den letzten Jahrzehnten einiges gelehrt. Um den oben genannten Herausforderungen zu begegnen, kann man sich auf folgende Grundprinzipien berufen:

Divide & Conquer

Eines der wichtigsten Prinzipien in der gesamten Informatik: Divide & Conquer - zu Deutsch: Teile & Herrsche: Immer wenn Probleme zu komplex werden, um sie vollständig zu überblicken, teilt man sie auf. Die Komplexität der Teile ist geringer als die des Ganzen und damit leichter beherrschbar. Dieses Grundprinzip findet sich in vielen Entwurfsmustern und abgeleiteten Prinzipien wieder (z.B. Schichtenmodellen,  MVC,  EVA, etc.). Für die IT-Unternehmensarchitektur bedeutet es, dass eine Geschäftsprozess- und Anwendungslandschaft in verschiedene Teile zerlegt werden sollte und diese Teile dann weitgehend unabhängig voneinander betrachtet werden können.

Diese Teilung kann auf verschiedenen Ebenen des Metamodells einer Unternehmensarchitektur erfolgen:

Wird Divide & Conquer in einem Unternehmen konsequent umgesetzt, hat dies nicht nur Auswirkungen auf die Prozess- und Anwendungslandschaft, sondern auch auf die Organisation im Unternehmen. Conway’s Law besagt, dass Organisationsstrukturen und Strukturen in der IT korrelieren. Demnach wird sich früher oder später die Organisation den Strukturen der Enterprise Architektur anpassen. Oder umgekehrt: Dann ist es aber schwieriger die Ziele der zukunftsorientierten Enterprise Architektur zu erreichen.

Standardisiere Protokolle, nicht Technologien!

Das Internet ist das größte und erfolgreichste vernetzte Informationssystem dieses Planeten. Es besteht aus hunderten verschiedener Technologien, die alle zusammen funktionieren, obwohl sie nicht standardisiert sind. Dieses Modell ist auch für eine zukunftsorientierte Unternehmensarchitektur tragfähig. Der Schlüssel liegt nicht in der Standardisierung der Technologien, sondern in der Standardisierung der Kommunikationsprotokolle. Unabhängig davon, welche Middleware-Technologie oder Datenbank in einer Anwendung zum Einsatz kommt: Alle Anwendungen, die über das Internet kommunizieren, sprechen die Internet-Protokollfamilie: TCP, IP, UDP, HTTP, SMTP, etc. Eine der wichtigsten Eigenschaften einer zukunftssicheren EA ist es, genau dies zu etablieren: Eine stabile Familie von Kommunikationsprotokollen. Mit einer solchen Familie ist es möglich, über Jahrzehnte zu wachsen und sich zu verändern, ohne immer wieder große Teile der Unternehmens-IT in Mammut-Projekten gleichzeitig austauschen zu müssen.

Vereinfache!

IT-Unternehmensarchitektur ist naturgemäß mit einer hohen Komplexität verbunden. Für eine zukunftsorientierte Enterprise Architektur ist es daher entscheidend, so viel wie möglich zu vereinfachen. Wenn Pläne und Anweisungen zu kompliziert sind, werden sie von den Menschen möglicherweise nicht verstanden. Sie müssen einfach, klar und prägnant kommuniziert werden. Als Enterprise Architekt spielt es keine Rolle, wie sehr Sie das Gefühl haben, die Informationen präsentiert, einen Plan oder eine Strategie vermittelt zu haben. Wenn es das Unternehmen, die betroffenen und die umsetzenden Team es nicht verstehen, haben Sie die Dinge nicht einfach genug gehalten. Das kann dazu führen, das die Architektur nicht zukunftsfähig ist, weil sie nicht akzeptiert ist - oder schlimmer noch: nicht verstanden wird.

In der Praxis bedeutet dies, eine möglichst einfache Sprache für die Unternehmensarchitektur zu verwenden und darauf zu achten, mit wem man kommuniziert. Das Ziel eines guten Architekten ist es nicht, zu zeigen, dass er komplexe Sachverhalte skizzieren kann. Ein guter Architekt ist dann erfolgreich, wenn alle relevanten Stakeholder seine Ideen und Konzepte verstanden haben und umsetzen können.

In der täglichen Arbeit zeigt sich eine Vereinfachung z.B. in der Verwendung eines einfachen Metamodells, anstatt bei jedem Diagramm auf die vollständige Korrektheit und Verwendung von  Archimate zu bestehen. Umgekehrt darf die Vereinfachung nicht so weit gehen, dass Architekturdiagramme nach Belieben eines jeden Architekten gestaltet werden können. Nichts ist unproduktiver, als in jedem Meeting wieder von vorne zu diskutieren, was die Rechtecke in einem Diagramm nun darstellen (Komponenten?, Applikationen?, Benutzer?, Use Cases?, etc.). Verwenden Sie in jedem Diagram die gleichen Farben und Symbole!

Ein weiteres Beispiel für eine sinnvolle Vereinfachung ist die Verwendung von Architektur-OPAs (“One Page Advice”) an Stelle von ausuferndern Richtlinien.

Architektur von Business Driven zum Business Driver

Zukunftsfähige Unternehmensarchitektur ist kein Selbstzweck. Man macht keine Architektur um der Architektur willen. Man schreibt keine Richtlinien um der Richtlinien willen. Ziel der Enterprise Architektur ist es nicht, ein Dokumentenarchiv aufzubauen, sondern ein nachhaltig erfolgreiches Unternehmen zu schaffen.

Daher ist eine erfolgreiche Enterprise Architektur Business Driven: Sie stellt Geschäftsanforderungen, Geschäftsziele und Kundenorientierung an die erste Stelle. Strategien und technologische Lösungen werden daran ausgerichtet. Die Enterprise Architektur dient als Brücke zwischen der Geschäftsstrategie und den IT-Investitionen eines Unternehmens. Sie hilft, die technologische Umgebung zu definieren, die benötigt wird, um die Geschäftsanforderungen zu erfüllen. Charakteristische Merkmale einer Business Driven Enterprise Architektur sind:

IT ist zu teuer

In den meisten Unternehmen kommt irgendwann der Punkt, an dem jemand feststellt: “IT ist zu teuer”. Dieser Satz bedeutet nicht, dass IT tatsächlich zu teuer ist - IT kostet Geld. Und die Kosten für IT steigen im Laufe der Zeit eher, als dass sie sinken. Der Satz ist aber ein Warnzeichen dafür, dass IT und Business nicht mehr im Gleichschritt laufen, die IT zum Selbstzweck mutiert und das Business die IT nicht mehr als wichtige Unterstützung wahrnimmt. Eine zukunftsorientierte Enterprise Architektur hat an dieser Stelle 2 Möglichkeiten: Erstens die Überprüfung, ob die (technischen und organisatorischen) Strukturen noch zeitgemäß sind und dem Prinzip Business Driven entsprechen. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann eine zukunftsorientierte Enterprise Architektur zweitens einen Schritt weiter gehen und selbst zum Business Driver werden.

Mit IT kann man sogar Geld verdienen!

Die Enterprise Architektur kann sich von einer reaktiven Rolle (business driven) zu einer proaktiven Führungsrolle entwickeln und selbst zum Business Driver werden. Als Business Driver folgt die Enterprise Architektur nicht mehr nur dem Business, sondern spielt eine aktive Rolle bei der Verbesserung bestehender Geschäftsmodelle oder sogar bei der Entwicklung völlig neuer Geschäftsmodelle. Im Allgemeinen kann eine zukunftsorientierte IT-Unternehmensarchitektur als Business Driver z.B. Folgendes leisten:

Technologieagnostik

Enterprise Architektur ist weder IT noch Softwareentwicklung

Da die Unternehmensarchitektur weder den IT-Betrieb noch die Softwareentwicklung zum Gegenstand hat, muss sie sich von diesen beiden Disziplinen distanzieren. Für einen IT-Betrieb oder eine Entwicklungsabteilung sind die eingesetzten Technologien von zentraler Bedeutung. Die Enterprise Architektur konzentriert sich jedoch auf die Strukturen und Strategien in einem Unternehmen. Eine zukunftsorientierte Enterprise Architektur muss daher technologieagnostisch sein: Sie muss zunächst alle Technologien gleichwertig behandeln und darf keine Aversionen gegen einzelne Programmiersprachen, Betriebsumgebungen oder Hersteller entwickeln. Was zählt, ist der langfristige Erfolg des Unternehmens. Nicht die Vorliebe für bestimmte Technologien.

Kontinuierliche Verbesserung

Das einzig Beständige ist der Wandel

Dass eine zukunftsorientierte Enterprise Architektur Wandel und Veränderung begrüßen und nicht verhindern sollte, habe ich hoffentlich bis hierhin hinreichend argumentiert. Doch welche strategischen und taktischen Maßnahmen können darüber hinaus ergriffen werden, um eine kontinuierliche Verbesserung innerhalb einer IT-Unternehmensarchitektur herbeizuführen?

Fazit

Unter Berücksichtigung der oben genannten Prinzipien ist es möglich, die Enterprise Architektur als wertvolle Konstante im Unternehmen zu positionieren, die die IT nachhaltig und innovativ in die Zukunft führt. Dabei sollte jedoch darauf geachtet werden, die Anzahl der Vollzeit-Enterprise-Architekten gering zu halten - ein Enterprise Architekt pro 10.000 Mitarbeiter (in einem Nicht-IT-Unternehmen) ist ein guter Richtwert. Wenn es mehr sind, gibt es normalerweise 2 Gründe:

Eine zukunftsorientierte Enterprise Architektur sollte schlank gehalten und administrative Tätigkeiten sollten automatisiert werden. Dann kann EA auch als Vorbild für die Verschlankung, Automatisierung und Digitalisierung anderer Bereiche eines Unternehmens dienen.