Enterprise Architektur Schnittkanten

Letztes Update: 23.07.2025

Das Prinzip Divide et impera

Eines der wichtigsten Prinzipien in der gesamten Informatik ist Divide et impera - zu Deutsch: Teilen und Herrschen: Immer dann, wenn Probleme zu komplex werden, um sie vollständig zu überblicken, teilt man sie auf. Die Komplexität der Teile ist geringer als die des Ganzen und damit leichter beherrschbar. Dieses Grundprinzip findet sich in vielen Entwurfsmustern und abgeleiteten Prinzipien wieder (z.B. Schichtenmodelle,  MVC,  EVA, usw.). Für das Enterprise Architektur Management bedeutet dies, dass eine Enterprise Architektur in verschiedene Segmente zerlegt werden sollte und diese Teile dann weitgehend unabhängig voneinander betrachtet werden können. Durch die Zerlegung in Segmente wird die Komplexität des Gesamtsystems reduziert. Der Artikel Kohäsion, Kopplung, Komplexität beschreibt die Details der Komplexität und die Vorteile, die man erhält, wenn man sie reduziert.

Schnittkanten auf verschiedenen Ebenen

Der Schnitt in einem Unternehmen kann von verschiedenen Ebenen her kommen. Meistens ergibt er sich aus Herausforderungen wie:

In der IT- und Unternehmensarchitektur besteht immer die Gefahr des konzeptionellen Divide et impera, also virtueller Schnittkanten ohne echte Konsequenzen, die nur auf dem Papier und in Architekturskizzen existieren. Damit dieses Prinzip seine Wirkung entfalten kann, müssen die Schnittkanten im Unternehmen durch reale Abgrenzungen umgesetzt werden. Diese Abgrenzungen finden sich organisatorisch in hierarchischen Strukturen, geschäftlich in abgegrenzten Prozessen und technisch in Schnittstellen, Datenflüssen, Integrationssystemen und Netzwerksegmenten wieder. Sie bilden die vertikalen Domänen, die sich durch alle Ebenen der Unternehmensarchitektur ziehen.

Die Schnittkanten in der Enterprise Architektur formen die vertikalen DomänenDie Schnittkanten in der Enterprise Architektur formen die vertikalen Domänen

Eine Gefahr ist, dass sich verschiedene Strukturen auf verschiedenen Ebenen im Unternehmen bilden. Ein Unternehmen pflegt beispielsweise ein Prozessmodell und eine Anwendungslandschaft. Beide sind aber komplett unterschiedlich strukturiert. Und die hierarchische Organisationsstruktur im Unternehmen ist wieder eine andere. In diesem Fall haben die Strukturen auf den Ebenen nur eine minimale Überlappung.

Schlechte Strukturierung: Die Ebenen im Unternehmen teilen nicht die gleichen StrukturenSchlechte Strukturierung: Die Ebenen im Unternehmen teilen nicht die gleichen Strukturen

Ob eine Unternehmens-IT überhaupt in verschiedene Segmente unterteilt werden muss, hängt von ihrer Komplexität ab. Bei einem kleinen Unternehmen ist sie meist nur ganz grob strukturiert - je größer es wird, desto verästelter wird die Strukturierung. Ob die Strukturen zuerst auf der Business Ebene in Form von Geschäftsprozessen oder Geschäftsfähigkeiten, zuerst auf der Anwendungs- und Datenebene oder zuerst auf der organisatorischen Ebene auf Grund von Mitarbeiterwachstum auftauchen, ist individuell. Die Strukturen auf der führenden Ebenen sollte jedoch auch auf die anderen Ebenen abgebildet werden, da ansonsten andauernde Konflikte und Unsicherheiten bezüglich Zuständigkeiten im Unternehmen drohen. Dies wiederum lähmt neue Projekte, verlangsamt Verwaltungsvorgänge und macht den Betrieb der IT unsicherer. Eine starke Überlappung der Strukturen auf allen Ebenen ist wünschenswert.

Gute Strukturierung: Die Strukturen im Unternehmen haben eine hohe DeckungGute Strukturierung: Die Strukturen im Unternehmen haben eine hohe Deckung

Beispiele für Schnittkanten

Um die gewünschten Strukturen zu schaffen, kann man eine Unternehmens-IT im Sinne der Enterprise Architektur auf verschiedene Arten schneiden:

Schnittkanten in einer AnwendungslandschaftSchnittkanten in einer Anwendungslandschaft

Schnittkanten evolvieren mit der Zeit

Evolviert die IT-Landschaft im Unternehmen ganz oder teilweise zum Beispiel von einem Vernetzten System auf ein digitales Ökosystem, dann wird sie naturgemäß komplexer als zuvor. Eine Anwendung besteht dann aus einer Gruppe von Micro, Mini oder Macro Services, die orchestriert werden müssen. Gleichzeitig wird die Anzahl der Anwendungen zunehmen, denn die Anwendungen werden sich in Richtung kleinerer Apps entwickeln und weniger multifunktionale Suiten sein. Das wird dann ungefähr so aussehen:

Komplexität der Kommunikation einer IT Landschaft in einem vernetzten, monolithischen System (links) und einem Digitalen Ökosystem (rechts)Komplexität der Kommunikation einer IT Landschaft in einem vernetzten, monolithischen System (links) und einem Digitalen Ökosystem (rechts)

Die Anwendungen links sind an ihre Hosts gebunden. Die Kommunikation über das Netzwerk findet nur zwischen den drei dargestellten Monolithen statt. Auf diese Weise bilden die Hosts einen natürlichen Rahmen um die Anwendungen, der die Komplexität der Anwendungslandschaft unter Kontrolle hält. Leider schränkt dieser Rahmen auch die Skalierbarkeit, Integrationsfähigkeit und Flexibilität ein. In einem digitalen Ökosystem (rechts im Bild) fällt dieser natürliche Rahmen weg und die Anwendungen kommunizieren direkt miteinander. Das erhöht schlagartig die Skalierbarkeit, Integrationsfähigkeit und Flexibilität der Gesamtlandschaft. Leider auch die Komplexität. Aus diesem Grund müssen innerhalb eines digitalen Ökosystems Maßnahmen in Form von Schnittstellen auf Anwendungsebene getroffen werden, um die Komplexität wieder zu reduzieren. Denn die Zahl der Anwendungen wird in Zukunft weiter steigen und damit auch die Komplexität. Ähnliches geschieht auf der Business- und Technologieebene, wenn neue Geschäftsfelder hinzukommen oder sich Technologien weiterentwickeln, z.B. in Richtung Cloud.

Fazit

Durch die gezielte Zerlegung in Segmente an sogenannten Schnittkanten lässt sich die Komplexität einer Prozess- und IT-Landschaft reduzieren und besser beherrschen. Diese Schnittkanten sollten nicht nur theoretisch, sondern auch organisatorisch, geschäftlich und technisch konsequent umgesetzt werden. Sie sollten als stabil, aber nicht in Stein gemeißelt betrachtet werden. Sie müssen angepasst werden, wenn fundamentale technische Fortschritte anstehen oder das Unternehmen reorganisiert wird. Wichtig ist, dass die Segmentierungen über alle Unternehmensebenen hinweg konsistent sind, um Reibungsverluste zu vermeiden und die Handlungsfähigkeit zu sichern.