Agiles Enterprise Architektur Management

Letztes Update: 22.09.2024

Dieser Artikel beschreibt Agiles Enterprise Architektur Management (EAM) als eine Weiterentwicklung traditioneller Frameworks wie TOGAF und Zachman. Agiles EAM kombiniert diese mit einem agilen Mindset und Methoden, um flexibel und kundenorientiert zu arbeiten. Wichtige Prinzipien sind Anpassungsfähigkeit, teamübergreifende Kommunikation und iterative Prozesse. Erfolgsfaktoren umfassen die kontinuierliche Ausrichtung an Unternehmensbedürfnissen, pragmatische Lösungen und regelmäßige Reviews. Agiles EAM ist skalierbar und geeignet für Unternehmen jeder Größe.

Agiles Enterprise Architektur Management ist eine Weiterentwicklung des klassischen Enterprise Architektur Management mit den bewährten Frameworks TOGAF und Zachman. Die Instrumente aus den klassischen Frameworks werden beim agilen EAM durch ein agiles Mindset und den Methoden aus agilen Vorgehensweisen kombiniert. Heraus kommt dabei ein modernes Enterprise Architektur Management, das mit modenen, agilen Unternehmen Schritt halten kann.

ix 01/2024ix LONG 01/2024

Hinweis: In der Ausgabe 01/2024 des ix - Magazin für professionelle Informationstechnik ist ein Artikel von mir zum Thema Agile Enterprise-Architekturen erschienen, der das Thema aus einem weiteren Blickwinkel beleuchtet. Der Artikel ist auch online verfügbar unter  EAM: Grundprinzipien der agilen Enterprise-Architektur.

Weiterer Hinweis: In der Ausgabe 51 des Podcasts aus der Reihe Projektmanagement im Glas habe ich zum Thema Agiles Enterprise Architektur Management gesprochen. Der Podcast ist auf allen üblichen Plattformen verfügbar. Auf der  Homepage sind sie alle verlinkt.

Wo stehen Unternehmen heute?

Moderne Unternehmen befinden sich gemäß dem Cynefin Framework entweder in einem komplizierten oder einem komplexen Umfeld. Während in einem komplizierten Umfeld ein klarer Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung besteht und die richtige Lösung durch gründliche Analysen gefunden werden kann, sieht es im komplexen Umfeld anders aus: Hier können die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung nicht durch gründliche Analysen, sondern nur durch Ausprobieren gefunden werden. Außerdem können sie sich ständig ändern. Unter dem Strich ist in einem solchen Umfeld ausprobieren viel erfolgreicher als analysieren.

Die Problemdomänen des Cynefin-FrameworksDie Problemdomänen des Cynefin-Frameworks

Ein komplexes Umfeld erkennt man zum Beispiel an folgenden Merkmalen:

Während sich die klassischen EAM-Frameworks TOGAF, Zachman, etc. in einem komplizierten Umfeld bewährt haben, stoßen sie in komplexen Umgebungen an ihre Grenzen. Hier ist etwas mehr Agilität erforderlich. Oder anders ausgedrückt:

Agiles EAM ist Enterprise Architektur Management für eine komplexe Welt!

Was bringt einem Unternehmen Enterprise Architektur Management?

Egal ob klassisch oder agil - das Enterprise Architektur Management (EAM) muss einem Unternehmen einen Mehrwert bringen, ansonsten kann es weg. Allerdings ist der Mehrwert von EAM, als abstrakte, strategische Disziplin nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Er zeigt sich langfristig in einer hohen Adaptionsfähigkeit eines Unternehmens an Herausforderungen in seiner Umgebung oder in der Fähigkeit eines Unternehmens, neue Märkte zu erschließen.

Kurzfristig schafft EAM Transparenz über Technologien und Prozesse im Unternehmen und zeigt die Auswirkungen interner & externer Einflüsse sowie geplanter & ungeplanter Veränderungen in der IT-Landschaft auf. Es schafft Effizienz durch die zielgerichtete Umsetzung von Unternehmensstrategien in IT-Strategien und konkrete Projekte. Es ermöglicht dem IT-Management evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen und vermeidet unerwünschte Redundanzen durch mehrere Systeme für den gleichen Zweck oder Doppelarbeit für das gleiche Ziel. Enterprise Architektur Management unterstützt die strategische Planung im Unternehmen, um beispielsweise die richtigen Anwendungen für eine Aufgabe zu finden, Schnittstellen zu definieren und die IT im Unternehmen zu strukturieren. Modernes EAM kann darüber hinaus ein Business Driver sein, der es ermöglicht, mit Hilfe von IT und Technologie neue Geschäftsfelder zu erschließen und neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen.

Allgemein kann man die Leistung eines guten Enterprise Architektur Managements in 4 Felder aufteilen:

Governance Technologie
Schaffen der notwendigen Verwaltungsstrukturen für eine moderne IT; Auswahl des richtigen IT Operating Models; Durchführen und Umsetzen der IT-Bebauungsplanung; Verwaltung der EA-Assets (Anwendungen, Geschäftsfähigkeiten, etc.) Vorantreiben der technischen Modernisierungs- und Transformationsinitiativen; Skizzieren einer zukünftigen IT-Landschaft für das gesamte Unternehmen
Prozesse Neue Möglichkeiten
Automatisierung im Ablauf von Geschäftsprozessen; Optimierung der Geschäftsprozesse durch neue Technologie Neue Geschäftsmöglichkeiten mit Hilfe neuer Technologie erschließen; Neue technologische Möglichkeiten durch eine gute Architektur schaffen

Diese Leistungen werden in strategischen, realisierenden oder operativen Tätigkeitsfeldern erbracht, die im Artikel Enterprise Architektur Management näher beschrieben werden.

Welche Fähigkeiten benötigt eine EA-Orga in einem komplexen Umfeld?

Um die genannten Leistungen zu erbringen benötigt eine EA-Orga in einem komplexen Umfeld folgende besonderen Fähigkeiten:

Architektur ist Kommunikation!

Agiles EAM

Agiles Enterprise Architektur Management ist für eine komplexe Welt gemacht. Es verbindet agile Prinzipien wie iteratives Vorgehen und Kundenorientierung mit Bausteinen aus klassischen Architektur-Frameworks. Es lässt aber auch völlig neue Bausteine und Maßnahmen zu und stellt die kontinuierliche Verbesserung und Anpassung an die Bedürfnisse eines Unternehmens in den Mittelpunkt. Zur Realisierung von agilem EAM wird ein agiles Mindset mit agilen Methoden kombiniert.

Mindset

Im Kontext des agilen Enterprise Architektur Managements (EAM) findet ein Paradigmenwechsel von starren Strukturen und Prozessen hin zu einem flexibleren, wertorientierten Ansatz statt. Ein solches agiles Mindset betont die Anpassungsfähigkeit und die kontinuierliche Verbesserung in der Architekturgestaltung und -implementierung. In diesem Rahmen werden bestimmte Werte als wesentlich erachtet, um die Agilität und Effektivität des EAM zu maximieren:

Die Kunden des agilen EAMsDie Kunden des agilen EAMs

Es zählt eine gute Systemlandschaft, nicht ein Bild von ihr!Es zählt eine gute Systemlandschaft, nicht ein Bild von ihr!

Conway’s Law: Kompatible und inkompatible Organisations- und SystemstrukturenConway’s Law: Kompatible und inkompatible Organisations- und Systemstrukturen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein agiles Mindset im Enterprise Architektur Management durch die Betonung dieser Werte eine adaptive, kollaborative und ergebnisorientierte Kultur fördert. Diese Kultur ermöglicht es Organisationen, schnell und effizient auf Veränderungen zu reagieren, Innovationen voranzutreiben und letztendlich einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil zu sichern.

Methodik

Wenn man mit agilem EAM im Unternehmen startet, dann sollte man zuerst herausfinden, welche EAM-Disziplin derzeit am meisten benötigt wird. Ist die Übersicht über die Anwendungen im Unternehmen verloren gegangen und das Unternehmen will hier Transparenz schaffen, so beginnt man mit Application Portfolio Management. Hat das Unternehmen kürzlich ein anderes Unternehmen aufgekauft und möchte die Geschäftsprozesse harmonisieren, dann startet man mit Business Process Management.

Der agile Ansatz ermöglicht es, die einzelnen Disziplinen schrittweise auszubauen. So kann ein Application Portfolio Management im ersten Schritt aus einer einfachen Excel-Tabelle bestehen. Wenn es sich bewährt und langfristig Nutzen bringt, kann diese Excel-Tabelle stufenweise durch eine umfassende EAM-Suite ersetzt werden. Umgekehrt kann man im agilen Ansatz auch wieder Disziplinen zurückbauen. Ist das Application Portfolio Management gut genug, um das Ziel der Transparenz zu erreichen, besteht kein Grund dafür, es noch besser zu machen, denn gut ist gut genug. Agiles EAM schießt nicht mit Kanonen auf Spatzen und erzeugt auch keine Diagramme für den Papierkorb. Es erledigt das, was notwendig ist, sobald es notwendig ist und solange es notwendig ist.

Agiles Enterprise Architektur Management ist offen für bewährte Methoden, die in den einzelnen Disziplinen eingesetzt werden: Man kann im Rahmen des agilen EAM die Strategische Bebauungsplanung mit Zachman machen und das Strategische Projektmanagement nach TOGAF. Offen ist agiles EAM auch für weitere Disziplinen: Das agile EAM entwickelt sich im Laufe der Zeit weiter. Neue Disziplinen kommen hinzu, alte fallen weg. Es bleibt seinem Prinzip auch hierbei treu: Das erledigen was notwendig ist, sobald es notwendig ist und solange es notwendig ist.

Die Spirale des Agilen Enterprise Architektur ManagementDie Spirale des Agilen Enterprise Architektur Management

In der Praxis kann der agile EAM-Prozess in Sprints von 4 bis 6 Wochen organisiert werden und sollte sich - symbolisiert durch die obige Spirale - kontinuierlich verbessern. So ist das Enterprise Architektur Management nach Sprint 5 deutlich leistungsfähiger als nach Sprint 2. Folgende Phasen innerhalb eines Sprints haben sich bewährt:

Eine gemeinsame Sprache für alle im UnternehmenEine gemeinsame Sprache für alle im Unternehmen

Die wichtigste Phase: Konkrete Ergebnisse erzielenDie wichtigste Phase: Konkrete Ergebnisse erzielen

Erfolgsfaktoren für agiles EAM

Agiles Enterprise Architektur Management ist ein dynamischer Prozess, der sich auf die kontinuierliche Anpassung und Verbesserung der Unternehmensarchitektur konzentriert, um den sich ständig ändernden Anforderungen des Geschäftsumfelds gerecht zu werden. Die Grundlage für den Erfolg in diesem Bereich ist die konstante Ausrichtung der Architekturaktivitäten an den aktuellen und zukünftigen Bedürfnissen des Unternehmens, ohne dabei eine Disziplin zum Selbstzweck werden zu lassen. Dies erfordert eine flexible Herangehensweise, bei der nur die Maßnahmen umgesetzt werden, die unmittelbar notwendig sind, und diese auch nur so lange, wie sie benötigt werden.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist es, stets das große Ganze im Blick zu haben, dabei jedoch pragmatische und zeitnahe Lösungen zu entwickeln, die den aktuellen Anforderungen gerecht werden. Dies bedeutet, dass nicht immer die perfekte oder umfassendste Lösung angestrebt wird, sondern vielmehr eine, die unter den gegebenen Umständen am sinnvollsten ist.

Darüber hinaus ist es von entscheidender Bedeutung, den Nutzen des agilen EAM für das Unternehmen kontinuierlich zu messen, transparent zu machen und zu kommunizieren. Dies hilft nicht nur, die Relevanz und den Wertbeitrag der Architekturarbeit zu verdeutlichen, sondern fördert auch die Akzeptanz und Unterstützung durch das Management und andere Stakeholder.

Eine weitere wichtige Säule des agilen EAM ist die enge Verzahnung des operativen Geschäfts mit der strategischen Planung. Dies gewährleistet, dass die Architekturarbeit nicht isoliert von der Geschäftsentwicklung stattfindet, sondern eng mit ihr verbunden ist und zur Erreichung der Unternehmensziele beiträgt. In der Praxis sollten die Erfahrungen aus dem Projektgeschäft und operativen Einheiten aktiv eingeholt und in Strategien und Konzepten berücksichtigt werden.

Um die Agilität und Effektivität des EAM-Prozesses sicherzustellen, sind regelmäßige Reviews unerlässlich. Diese dienen dazu, die angewandten Methoden und Praktiken kontinuierlich zu hinterfragen, zu bewerten und anzupassen. So kann sichergestellt werden, dass das EAM selbst in einem ständigen Verbesserungsprozess bleibt und optimal auf die Bedürfnisse des Unternehmens ausgerichtet ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Erfolgsfaktoren des agilen EAM in der kontinuierlichen Ausrichtung auf den Unternehmensbedarf, in der Pragmatik und Flexibilität der Ansätze, in der Transparenz und Kommunikation des Nutzens, in der Integration von operativem und strategischem Geschäft sowie in der ständigen Selbstreflexion und Anpassung der Methodik liegen.

Wer macht agiles EAM?

Die Aufgaben und Disziplinen des Enterprise Architektur Managements im Sinne eines agilen EAM werden in kleineren Unternehmen (< 10.000 Mitarbeiter) häufig durch den IT-Leiter / CIO bzw. seine Teams abgedeckt. Erst in größeren Unternehmen lohnt es sich, dedizierte Enterprise Architekten für diese Aufgaben einzusetzen. Diese können anfangs als Stabsstellen beim CIO realisiert werden. In sehr großen Unternehmen werden dann ganze Teams von Enterprise Architekten eingesetzt. Eine Faustregel für die Frage, wie viele Enterprise Architekten ein Unternehmen braucht, lautet: 1 Vollzeit Enterprise Architekt pro 10.000 Mitarbeiter. Von dieser Regel kann natürlich abgewichen werden - je nachdem, welche Disziplinen in welchem Umfang implementiert werden sollen. Agile EAM Praktiker werden vom Rest des Unternehmens unterstützt: Die Aktivitäten sind nicht ausschließlich den Enterprise Architekten vorbehalten. Solution Architects können mit ihrer Expertise beim Application Portfolio Management oder bei der Erstellung von Leitlinien und Strategien unterstützen. Fachbereiche helfen beim Business Capability Management und beim Business Process Management. Data Analysts und Big Data Experten leisten einen wichtigen Beitrag zum Enterprise Data Management. Gute Projektmanager sind wertvoll für das strategische Projektmanagement. Und so weiter.

Fazit

Startups und kleine Unternehmen benötigen keine dedizierten Enterprise Architekten um agiles Enterprise Architektur Management durchzuführen. Durch den agilen Ansatz ist diese Methode für Unternehmen jeder Größenordnung geeignet. Und mit Wachstum im Blick lohnt es sich schon als kleines Unternehmen, ein wenig agiles EAM zu implementieren. Große Unternehmen kommen um die einzelnen Disziplinen nicht herum wenn sie effizient bleiben, Transparenz über ihre IT und ihre Prozessen haben wollen, und wenn sie strategische Vorhaben in realistischer Zeit umsetzen möchten.

Ich empfehle den agilen Ansatz, gerade weil er beliebig mit der Unternehmensgröße skaliert. Agiles EAM als Enterprise Architektur Framework kann klein und beschaulich anfangen und - bei belegtem Nutzen - im Unternehmen immer bedeutungsvoller werden.